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EIN GESCHENK GOTTES

Nahaufnahme: Er war Kaspar Hauser in Werner Herzogs Film -
heute spielt Bruno S. sich selbst.

Von Verena Friederike Hasel

Publiziert in: Spiegel online | Kultur | Hamburg | 06.04.2009

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-64949463.html

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Bruno Schleinstein als Kaspar-Hauser-Darsteller, 1974.

Wie viel Aufmerksamkeit doch einer auf sich ziehen kann, der nur dasteht und schweigt. Vor einer Viertelstunde ist der alte Mann auf die Bühne in der Berliner "Stadtklause" gestiegen, hat einen zerschlissenen Koffer abgestellt, ein Wasserglas neben sich plaziert und verharrt nun reglos. Und die Gäste, Angestellte aus den Bürogebäuden ringsum, Touristen, die in der Kneipe mit den Holzbänken und Bouletten ein Stück altes Berlin suchen, unterbrechen ihre Gespräche und schauen ihn an.

Fast scheint es, als spiele der unrasierte Mann mit der zerbeulten Hose die Rolle nach, mit der er einst berühmt wurde. In Werner Herzogs Film "Jeder für sich und Gott gegen alle" steht Kaspar Hauser, als er zu den Menschen kommt, einen ganzen Morgen auf dem Marktplatz, bis alle aus ihren Fenstern gucken.

Der Alte in der Stadtklause ist Bruno Schleinstein, besser bekannt als Bruno S., fulminanter Hauptdarsteller dieses Films von 1974.

Seine Starre löst sich jetzt, er hebt ein rotes Akkordeon aus dem Koffer, das Instrument ist beinahe zu wuchtig für den kleinen Körper. "Lieber Leierkastenmann, fang noch mal von vorne an, von dem schönen Spree-Athen, wo sogar die Blinden seh'n", beginnt er, seine Stimme klingt wie damals im Film, nur rauer. Den Text ruft er mehr, als dass er ihn singt, seine Intensität duldet kein Gespräch, die Gäste sind still, auch wenn er sie innerlich aussperrt, die Augen geschlossen, bei dieser Beschwörung einer besseren Vergangenheit.

Damals, als Kaspar Hauser, war Schleinstein das Wunder des Filmfestivals von Cannes. Soeben habe er das erste Mal das Meer gesehen, sagte er auf der Pressekonferenz, und die Menschen staunten: Der Mann, der die Rolle des Findelkinds gespielt hatte, war selbst ein Kaspar Hauser.

Schnell machten Geschichten über ihn die Runde. Schleinstein war ein Heimatloser, ein Verstörter; von der Mutter gewissermaßen ausgesetzt, hatte er die Kindheit in Heimen verbracht, fuhr später Gabelstapler und sang nach Feierabend auf Berliner Hinterhöfen

"Jeder für sich und Gott gegen alle" bekam den Sonderpreis der Jury. Den Erfolg verdanke er allein Bruno, sagte Herzog, der Schleinstein durch Zufall in einem Studentenfilm entdeckt hatte. "Da ist mir ein Geschenk Gottes in den Schoss gefallen."

1941 kam der damals Achtjährige in die Wittenauer Heilstätten in Berlin-Reinickendorf, wo die Ärzte mit Impfstoffen an behinderten oder vermeintlich asozialen Kindern experimentierten. Einer der ersten Einträge in Schleinsteins Krankenakte hält fest, dass Bruno um 22 Uhr losschrie: "Tante, mir tut der Rücken, wo gepiekt wurde, so weh."

Als Verfolgter des Nationalsozialismus wurde Schleinstein erst im Februar dieses Jahres anerkannt. Bislang lebte er von einer kleinen Rente. Dass er einen Anspruch auf Entschädigung habe, hatte ihm keiner je gesagt, bis sich Franz Göbel, Wirt der Stadtklause, an die Behörden wandte. Göbel steht ihm auch sonst bei, fährt ihn nach Auftritten nach Hause und hilft ihm, die Wohnung instandzuhalten.

Fragt man Schleinstein heute nach der Zeit in Reinickendorf, kommt der immer gleiche Satz: "Wo ein solches Heim ist, ist der Friedhof nicht weit." Solche Bruno-Sprüche mit Merkwert hört man oft von ihm, Allerweltssätze dagegen selten. Konversation strengt ihn an, zu viel Raum fordern die Fragen, die ihn umtreiben, in seinem Inneren. Wie viele Farben ein Feuer hat, will er etwa wissen, reißt dazu Fotos von Brandkatastrophen aus der Zeitung aus - alles Material für das Bild, an dem er arbeitet: Berlin in Flammen, wie im Krieg.

Ein bereits fertiggestelltes Gemälde zeigt einen Mann auf einem OP-Tisch, in dessen Herz ein Arzt im schwarzen Kittel mit so großer Selbstverständlichkeit seine Hand hineinsteckt, als handelte es sich bei dem fremden Organ um die eigene Manteltasche. Ein zweiter Doktor naht mit einer großen Schere. Psychologen würden das Kunsttherapie nennen, Schleinstein nimmt instinktiv Zuflucht zu Malerei und Musik, er mischt beides wie ein Synästhetiker. Zu Hause hat er eine Schleifmaschine, auf die er bunte Pappstreifen spannt, und wenn er das Gerät in Gang setzt, verschwimmen die Farben zu einer, wie Schleinstein sagt, "stufenlosen Tonleiter".

Stolz zeigt er seine Erfindung her: "Da soll mal einer sagen, dass der Bruno nichts kann", ruft er, über sich wie immer in der dritten Person redend.

Die Maschine ist nicht die einzige Kuriosität in seiner Wohnung direkt am Straßenstrich in Berlin-Schöneberg. Unter einer Beethoven-Büste steht ein Fahrrad mit zehn Gängen, drum herum Dutzende Kaffeemaschinen und Modellbahnen; einen Steinway-Flügel, über dessen Herkunft er schweigt, gibt es noch, außerdem den Preis der Deutschen Filmkritik für "Stroszek", den zweiten und letzten Film, den Herzog mit Schleinstein drehte. "VVV - Vergessen, vorbei und vorüber", sagt Schleinstein über seine Zeit beim Film. Der Kontakt zu Herzog ist längst abgerissen, und auch das Berliner Hinterhofpublikum ist Schleinstein verlorengegangen. Die Haustüren sind meist versperrt, einen irren Musikanten will keiner einlassen.

Geblieben ist Schleinstein die Sehnsucht, und heute Abend kann er sie stillen. Als der Applaus in der Stadtklause aufbrandet, öffnet er die Augen und schaut die Menschen das erste Mal an. Er stimmt das nächste Lied an, "Die Gedanken sind frei", unterbricht sich noch einmal. "Soll ich alle Strophen singen?", fragt er und gibt die Antwort selbst: "Ja, sonst wäre es ja kein Lied."

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