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TRIBUTE

Bruno Schleinstein

Von Kristina Koch

Publiziert in: intro, online-magazin, Berlin, 16. Juli 2007

Quelle: http://www.intro.de/magazin/musik/23042244

Es kommt im Film nicht allzu häufig vor, dass Schein und Wirklichkeit verschmelzen. Passiert es doch, so ist es ungemein verstörend, hinter der Rolle eines Schauspielers den wahrhaft gebeutelten Menschen zu erkennen. Bruno Schleinstein ist so ein bizarrer Fall. Der Berliner brilliert in Jeder für sich und Gott gegen alle - Kaspar Hauser (1974) und Stroszek (1977), beide dieser Tage mit der DVD-Box Werner Herzog - Frühe Jahre (Kinowelt) zu erstehen. Schleinsteins packende Auftritte als Kaspar Hauser und Häftling Stroszek (Ian Curtis sah den Film an dem Abend im Mai 1980, bevor er sich erhängte) zeugen davon, dass Einsamkeit und Entwurzelung sein Leben gezeichnet haben: 1932 geboren, von seiner Mutter verprügelt und bald weggeben, wächst er als geistig behindert abgestempelt in unzähligen Heimen und Anstalten auf.

In der Nazizeit soll er als Reichsausschusskind für Experimente am Gehirn missbraucht worden sein, später lebt er in Obdachlosenasylen und Männerheimen, wo er das Akkordeonspiel erlernt. Mit Sackkarre, Akkordeon und Glockenspiel tingelt er fortan durch Berlins Hinterhöfe. Hier wird er Anfang der 70er von Herzog aufgelesen, dem Schleinsteins menschenscheues Auftreten und abgehackte Sprache für die Rolle des Kaspar Hauser gerade recht kommen. Eine sensible Seele und ein großer Selbstdarsteller/Kino-Pragmatiker treffen aufeinander. Der Film gewinnt 1975 die Goldene Palme, zwei Jahre später beenden die beiden ihre Zusammenarbeit.

Heute mag Schleinstein nicht über diese Zeit reden, aber er zieht noch immer musizierend und zeichnend durch die Straßen. Im Juni dieses Jahres ist er 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass stellt die Kölner Galerie Susanne Zander bis Ende August eine kleine Auswahl seiner Bilder aus: Mischmasche aus Kuli und Bleistift, meist auf kariertes Papier gemalt; Wendetafeln, die seine Lieder illustrieren; und einen wunderbaren Bilderbogen mit Berliner Szenen. Überall knallen Kindlichkeit und Härte brutal aufeinander: Im Stil naiver Malerei und der Art brut skizziert Schleinstein prügelnde Mütter, Operationsszenen, Klinikwärter, immer wieder seine eigene Mutter im Grab und andere Schrecken seines Lebens; auch eine Zeichnung von Kaspar Hauser findet sich unter den Bildern. Selbst wenn Herzog ihm zu etwas Ruhm verholfen hat, befreit hat sich Schleinstein allein - mit seiner Musik und seinen Bildern.

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