NO!art NEWS + KÜNSTLER + ÜBER UNS + MANIPULATION + MAIL Link Übersicht  ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT
Bruno Schleinstein NO!art homepage <<< | >>>
Rezension suche und fnde im NO!art archiv

IM LOCH DER VERGESSENHEIT

Nico Anfuso sprach mit Bruno S.

publiziert in: tip-magazin, Berlin, Februar 2003
Bruno S. wurde 1974 als Kaspar Hauser
in Werner Herzogs Film „Jeder für sich und Gott gegen alle" bekannt und berühmt.
Miron Zownir porträtiert den 68-jährigen Überlebenskünstler in "Bruno S. - Die Fremde ist der Tod."

Seit fast dreißig Jahren hast du keine Rollenangebote mehr bekommen.
Bruno S.:
Da kann ich nur sagen VW. Vergessen, vorbei und vorüber.

Welche Rollen hätte man dir denn anbieten können?
Es wäre schon einiges möglich gewesen. Vielleicht ein Musiklehrer. Oder ein Hinterhofmusikant. Aber was soll ich da sagen. Es wollte ja keiner mehr was versuchen mit mir.

Warum hast du denn auf Angebote gewartet, statt dich selber anzubieten?
Nee, ich sage mir immer eines: Renne nicht zum Fürsten, wenn du nicht gerufen wirst.

Dabei bist du damals hoch gelobt worden, sogar von Francis F. Coppola. Er behauptete, dass ihn noch nie eine Leinwandfigur so tief gerührt habe wie Kaspar Hauser.
Ja, aber es war überall dasselbe. Herzog, Herzog über alles. Bei der Premiere auf den Filmfestspielen in Cannes, da bin ich mir vorgekommen wie ein Fremder in der Fremde. Den Bruno haben sie dort doch nur vorgeführt wie das große Kind mit dem kleinen Kopf. Und die schwarzen Raben, die von der Presse, wen fragen die denn am meisten? Den großen Mann oder den kleinen?

Damals hast du doch noch ziemlich viel getrunken ...
Und wie. So eine große Flasche Bourbon war gar nichts für mich.

Hast du manchmal den Überblick verloren, wenn du bei den Dreharbeiten betrunken warst?
Nee, ich habe nicht den Überblick verloren, sondern die Sprache, vor allem als wir später den „Stroszek" gedreht hatten, in Amerika.

Konntest du Realität und Spiel immer voneinander unterscheiden?
Ja, was ist Spiel und was ist Realität? Bei „Stroszek" kam mir dieser amerikanische Schauspieler, dieser Clayton, vor wie ein Mensch in Wolfsgestalt. Der zeigt dir die Zähne, als wenn er dich beißen will.

Es gibt ja immer etwas, was identisch bleibt, das sind die identischen Gefühle. Hast du deshalb den Kaspar Hauser so überzeugend verkörpern können, weil du als Kind selbst abgeschoben und vernachlässigt worden bist?
Ja, das könnte sein. Abgeschoben und vernachlässigt. Ab in die Massenunterbringung der Lieblosigkeit, so kann man nämlich die Heime und Anstalten nennen. Es ist doch immer dasselbe. Wo ein Erziehungsheim ist, da gibt es ein Zuchthaus, und hinter dem Zuchthaus kommt das Leichenhaus und dahinter kommt der Friedhof.

Als nach „Stroszek", deinem zweiten Film mit Werner Herzog, keine Filmangebote mehr kamen, bist du da erst mal in ein Loch gefallen?
Ja, in das Loch der Vergessenheit. Er, der Bruno, war ja dazumal Alkoholiker, aber heute trinke ich ja nun nichts mehr. Es ist ja so, wenn jemand entwurzelt ist, glaubt man an gar nichts mehr. So schnell, wie sie den Bruno vergessen  haben, so vergessen nicht mal die Berliner Mauer.

Du hast dann weiter als Gabelstaplerfahrer gearbeitet und dich ganz auf die Musik und die Malerei konzentriert. Seit beinahe vierzig  Jahren  ziehst du schon mit deinen Instrumenten durch Berlin.  Was für Lieder spielst du?
Das sind meistens solche Lieder, die aus dem Volk kommen. Es gibt ja so viele politische, bissige, kratzbürstige Lieder, die man durchgeben könnte. Sieh mal zum Beispiel „Der Wilddieb" und verschiedene andere Lieder, das sind auch alles schöne, alte, gute Lieder, teils auch Liebeslieder, die man nicht vergessen sollte. Denn wer so was vergisst, der schmeißt auch etwas weg.

Was hat sich in all den Jahren für dich verändert?
Wenn ich so an die Anfänge zurückdenke ... ja ... das sieht aus, als wenn alles aus der Bahn geworfen wird. Früher war ich auf die Hinterhöfe gegangen. Da waren die Türen noch offen. Heute bin ich meist gezwungen, auf der Straße zu sitzen. Auf Hinterhöfen war es besser. Es war auch 'ne ganz andere Akustik. Da konnte man sich viel besser konzentrieren.

Du hast niemals einen Partner gehabt. Fühlst du dich auch um die Liebe betrogen?
Genau das ist es. So ist es, und jetzt will ich das auch nicht mehr. Man kann Leute auch mit Liebesentzug bestrafen.

Vielleicht kommt für dich ja doch noch ein dritter Frühling.
Ja, den könnte es geben. Der zweite Frühling bedeutet noch ungefähr, dass du dich mit dem zufrieden geben musst, was sie dir geben. Aber der dritte Frühling, das ist dann das Tor zum Jenseits.

In „Bruno S. - Die Fremde ist der Tod" bist du wieder auf der Leinwand zu sehen.
Ja, die Premiere findet auf der Berlinale statt. Aber letztens, als ich auf dem Flohmarkt umgekippt bin, da war mir das alles scheißegal. Und ich glaube, wenn er noch mal umkippt, dann ist der Bruno tot. Aber bis dahin mache ich meine Musik und meine Malerei weiter, und ich werde mir auch weiter meinen Teil denken.

© http://bruno-s.no-art.info/rezensionen/2004_anfuso.html